Leseprobe 1

Die Einen 

 

Der offizielle Titel meines ersten MAE-Kurses klang vermutlich total langweilig und harmlos. Wahrscheinlich so etwas wie »Integrative Tagesstruktur für den Wiedereinstieg ins Erwerbsleben«. Eine Aktivierungsmaßnahme. Ein sanfter, freundlicher Einstieg in die Welt des Ich finde meinen Rhythmus wieder. Theoretisch. Aber die Quintessenz war schlichter: Ich sollte Langzeitarbeitslose dazu motivieren, morgens vor 10 Uhr aufzustehen, und ihnen beibringen, dass es legitim ist, vor 14:00 Uhr eine Hose zu tragen. Das Problem: Die hatten einen Rhythmus und auch Hosen. Beides war halt nur eher kompatibel mit dem Nachtleben von Ibiza als mit dem deutschen Arbeitsmarkt.

 

Das Thema war im Grunde genommen Zeitmanagement für Menschen, deren Kalender seit drei Jahren denselben Eintrag enthielt: Überleben in einer Lebenssituation, die sich die meisten nicht selbst ausgesucht hatten.

 

Man erwartete von mir, dass ich Menschen, die aus tiefer Ermüdung, chronischer Perspektivlosigkeit und finanzieller Notwendigkeit vor mir saßen, mit einer PowerPoint-Präsentation den inneren Wecker neu justiere. Möglichst effektiv. Idealerweise nachweisbar. Und am besten so, dass es schon beim nächsten Vermittlungsversuch Früchte trägt.

Die staatliche Vorgabe nach § 16 SGB II war dabei klar und ambitioniert: Integration durch Struktur. Das klang nach Konzept, Plan und Wirksamkeit. Anspruchsvoll gedacht, hoch angesetzt formuliert und mit der stillen Erwartung versehen, dass theoretische Konzepte dort greifen, wo Lebensrealitäten oft ganz andere Prioritäten setzen. 

 

Man stellte sich vermutlich einen lichtdurchfluteten Campus vor, funktionierende Technik, klar durchgetaktete Tage und ein Publikum, das nur darauf wartete, endlich abgeholt zu werden. Offenbar ging man davon aus, dass Maßnahmen und Räumlichkeiten eine Art pädagogischer Resonanzraum seien: die Teilnehmer hören motivierende Mantren, nicken irgendwann innerlich – und sortieren sich dann folgerichtig neu.

 

Die Realität war ein Bildungsinstitut, dessen Optik und Ausstattung jeden frischen Motivationsimpuls bereits beim Eintreten leise, aber nachhaltig dämpften. Ein Ort, für den die Anspruchshaltung der Bildungsverantwortlichen bemerkenswert hoch war, weil die Rahmenbedingungen eher darauf hindeuteten, dass hier vor allem eines produziert werden sollte: Anwesenheit mit pädagogischem Hoffnungsvorlauf.

 

Der ganze Raum hatte den Charme einer Bahnhofstoilette. Der Bodenbelag hatte die Farbe von altem Leberwurstbrot, und die Kaffeemaschine röchelte so asthmatisch, dass ich ihr jedes Mal gut zureden musste (»Komm schon, Schätzchen, nur noch eine Tasse!«). Es roch nach einer Mischung aus kaltem Rauch, billigem Bodenreiniger und einer Angstschweiß-Deo-Kombination vom Vortag.

 

Und die Teilnehmer? Ein Fest für die Sinne. Wir sprechen hier nicht von leicht demotiviert. Wir sprechen von tiefschürfender, philosophischer Verweigerung. Die Motivation? Mehr als unterirdisch. Bei einigen schien sie beinahe komatös in der Ecke zu liegen und man hatte das Bedürfnis, den Stecker zu ziehen und jedwede Maßnahme einzustellen. Ja, ich weiß, das klingt makaber. Aber genau so war es. Heftig und für mich als Neueinsteigerin mehr als nur eine Herausforderung. Es war ein Kampf auf der Metaebene.

 

Da saßen Menschen, die mit Köpfen, Füßen oder beidem auf dem Tisch thronten und damit ihre Haltung zur gesamten Veranstaltung – und zum Sozialsystem – demonstrierten. Das war kein Widerstand; das war die perfektionierte Kunstform der Gleichgültigkeit. Und wenn ich versuchte, irgendeine Form von Dialog herzustellen, bekam ich häufig Blicke zurück, die irgendwo zwischen »Mach du mal, ich gucke nur« und »Ich bin nur physisch anwesend« lagen. Das deutsche Sozialsystem hatte ganze Arbeit geleistet. Hier saßen Menschen, die hier sein mussten, weil ihnen quasi die Pistole auf die Brust gesetzt wurde.

Meine Aufgabe: Menschen in einer solchen Umgebung mit Humor und Herz zu motivieren. Mein einziges Werkzeug? Gelassenheit und die totale Ablehnung der Rolle der übergeordneten Autorität. Statt als Trainerin das System zu präsentieren, habe ich mich auf die Seite der Verzweifelten gestellt – mit Knabbereien und einem Funken Galgenhumor über die Absurdität unserer aller Situation. Denn die Stimmung im Raum war so frostig, dagegen wirkte ein Eisfach wie eine Sauna. Ich hatte also zwei Optionen:

  1. Die strenge Lehrerin markieren (»Füße runter, aber zackig!«). Ergebnis: Er lacht, ich heule innerlich, Autorität im Eimer.
  2. Kapitulation.

Ich wählte Option 3: Bestechung.

 

Nach dem ersten Tag war mir klar: Mit meiner Powerpoint-Präsentation über SMART-Ziele kann ich hier höchstens die Toilettenbrille abdecken. Also ließ ich am zweiten Tag die Präsentation und den Ablaufplan beiseite und setzte mich direkt unter die Leinwand. Ich griff in meine Tasche und holte mein hoffnungsvolles Arsenal heraus: 1 Rolle Doppelkeks, 1 Packung Blätterteiggebäck (damit der Teppich auch was davon hat), Schokolade und zwei Tüten gemischte Fruchtgummi. Etwas geräuschvoller legte ich das Zeug auf einen Tisch vor mir.

 

»Hören Sie mal zu«, sagte ich laut genug, damit auch der Typ in der letzten Reihe, der gerade Clash of Clans spielte, hochschreckte. »Ich weiß, Sie haben keinen Bock auf diesen Zirkus. Ich ehrlich gesagt auch nicht. Der Stuhl hier ruiniert meinen Rücken, der Kaffee schmeckt nicht, und draußen scheint die Sonne. Aber wir sitzen hier jetzt sechs Stunden fest, weil das Amt es so will.«

 

Ich riss die Keksrolle auf. »Ich bin nicht Ihre Mutti und nicht Ihr Sachbearbeiter vom Jobcenter. Wir machen jetzt einen Deal: Wir kriegen die Zeit rum, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Ich laber Sie nicht unnötig voll und Sie werfen keine Papierkugeln nach mir. Außerdem habe ich Kekse«, fügte ich an und hielt die Kekse demonstrativ hoch.

 

Stille. 

 

Der Typ mit den Füßen auf dem Tisch zog eine Augenbraue hoch. Er musterte mich. Er musterte die Kekse. Dann nahm er langsam – ganz langsam – die Füße runter, lehnte sich vor und griff in die Packung.

 

»Hast du auch was mit Nüssen?«, fragte er trocken.

 

»Morgen«, sagte ich. »Wenn ihr pünktlich seid.«

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