Leseprobe 2

Es gibt Jobs, da sind die Abläufe immer gleich: Akten sortieren, Schrauben drehen, Mails verwalten, was weiß ich. Und dann gibt es den Bildungsbereich. Jeder Kurs ist ein neues Experiment mit unklarem Ausgang. Neue Gesichter, neue Launen, neue Geschichten, neue stille Katastrophen, die man erst nach fünf Minuten bemerkt.
Ich mache die Tür auf. Eine Wolke aus abgestandenem Filterkaffee und der stickigen Luft von tausend verschwiegenen Konflikten schlägt mir entgegen. Innerhalb weniger Sekunden weiß ich, ob das hier ein Feuerwerk der Erkenntnis wird oder ich heute Abend mit einer Flasche Rotwein unter der Bettdecke ende und »Umschulung zur Einsiedlerin« recherchiere.
Die Arena, wie ich sie gern nenne, ist keine Metapher, sondern eine exakte Beschreibung. Wobei das unfair gegenüber Gladiatoren ist. Die hatten wenigstens Löwen. Ich habe Flipcharts, deren Rollen klemmen, und Teilnehmer, die gucken, als hätte ich mir gerade das letzte belegte Brötchen auf den Teller gelegt.
Da steht man wie ein Gladiator, bereit, sich den Ungetümen Gruppe und Wissenslücke entgegenzustellen, bewaffnet mit Moderationskarten, Stiften, Präsentationstechnik und dem unerschütterlichen Glauben, dass vielleicht jemand etwas Nützliches für sich mitnimmt.
Aber selbst wenn nicht – ich werde trotzdem mein Bestes geben. Das unterscheidet mich von echten Gladiatoren: Die kämpften um ihr Leben, ich kämpfe um Aufmerksamkeitsspannen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was schwieriger ist.
Was die meisten Außenstehenden nicht wissen: In dieser Arena habe ich schon Dinge erlebt, die andere Menschen nur von Familienfeiern kennen. Blickduelle, in denen ich spürte, wie ein Teilnehmer innerlich beschloss, mich zu disqualifizieren, bevor ich überhaupt meinen Namen gesagt hatte. Sitzordnungen, die mehr über Gruppendynamik verrieten als jeder sozialpsychologische Fragebogen. Und dann wären da noch die subtilen Mikro-Feindseligkeiten, wie das demonstrative Blättern in den Unterlagen exakt in dem Moment, in dem ich etwas Wichtiges erklären will. Das ist kein Zufall, das ist gelebte Provokation auf Volkshochschulniveau. Ein stilles »Mal sehen, wie du damit umgehst, Lady.«
Manchmal fühlt sich der erste Rundblick im Raum an wie ein Montagmorgen in Dauerschleife: müde Gesichter, verschränkte Arme und die unausgesprochene Frage »Muss das wirklich sein?« in mindestens drei Augenpaaren. Da sitzt jemand, der aussieht, als hätte man ihn direkt aus dem Bett gezerrt. Daneben jemand, der schon seit dem Parkplatz schlechte Laune mit sich herumträgt wie einen emotionalen Rucksack voller Backsteine. Und ganz hinten, kaum sichtbar, die eine Person, von der ich weiß, dass sie mich heute mit einer einzigen, völlig absurden Frage sehr wahrscheinlich ins Straucheln bringen wird.